Ich mach‘ Schluss mit Farbe


Meine Erfahrungen mit der Rückkehr zu grauen Haaren.

Ich mach‘ Schluss mit Farbe!

Mit 14 Jahren habe ich mir zum ersten Mal die Haare gefärbt. Und dann zog sich das so durch. Mehr als 30 Jahre lang. Die meiste Zeit hatte ich einfach Spaß dabei, meine Haarfarbe zu ändern. Von den blonden Strähnchen (und Dauerwelle!) der 80er, zum Grunge-Schwarz der frühen 90er. Es folgten Pink, Neongelb und Neon-Orange Mitte der 90er (Loveparade! Berlin! Studium!). Mit Mutterschaft (Henna!) und BWL-Karriere wurden die Farben ruhiger, aber gefärbt habe ich trotzdem immer.

Der Kampf gegen graue Haare

Was sich allerdings in den letzten Jahren geändert hat: Färben wurde zum nervigen „Pflichttermin“. Zum Kampf gegen den grauen Ansatz. Und ich habe keine Lust mehr darauf. Keine Lust mehr, Stunden meines Lebens damit zu verbringen, Farbe auf meinem Kopf zu verteilen und auf die Einwirkzeit zu warten. Nur um dann nach wenigen Wochen (maximal vier) das ganze wiederholen zu müssen. Ich habe also Schluss gemacht mit dem Färben und lasse seit etwas über drei Monaten meine natürliche Haarfarbe wachsen. Was mich erwarten würde, wusste ich gar nicht so genau. Irgendwas mit silbernen Strähnen auf jeden Fall. Ich war gespannt.

Warten auf die silberne Traummähne

Als ich meine Haare noch färbte, ging mir das mit dem grauen Ansatz viel zu schnell. Gefühlt war das erste Grau zu sehen, so bald ich – frisch gefärbt – den Friseursalon verlassen hatte. Jetzt, da ich meine natürliche Haarfarbe wachsen lasse, ist es umgekehrt. Jetzt geht mir das mit der grauen Wallemähne viel zu langsam. Bereits vor einiger Zeit hatte ich ein Pinterest-Board mit den großartigsten Bildern von Frauen mit silbernem Prachthaar angelegt. Zur Inspiration und so. Auch in meine Beratungen kommen immer wieder Frauen, die mit ihrem natürlichen Haar einfach wunderbar aussehen. Begeistert erwartete ich also den weißen Traum auf meinem Kopf. Umso ernüchternder das Ergebnis nach inzwischen 3,5 cm Ansatz: Ich habe viel weniger Grauanteil als gedacht. Erwartet hatte ich nahezu weißes Haar, zu sehen ist eher Salz-und-Pfeffer. Mit mehr Pfeffer als Salz. Quasi George-Clooney zu Emergency Room Zeiten und nicht zu Meghan und Harrys Hochzeit. Menno.

Überhaupt sieht’s jetzt im Übergang eher so nach „zu faul zum Ansatzfärben“ aus und nicht nach Absicht. Aber seien wir mal ehrlich: es ist ja tatsächlich beides. Denn ja, ich habe definitiv keine Lust mehr aufs Haarefärben und zwar mit voller Absicht und aus totaler Überzeugung. Da ist es mir auch egal, dass aktuell noch keine weiße Traummähne zu sehen ist. Ich bleibe dabei. Meine Haare werden Natur. Und wie ich inzwischen gelernt habe, gibt es eine ganze „ditch-the-dye“-Bewegung. Also einen „Schmeiß die Farbe weg“ Trend mit immer mehr Frauen, die ihr silbernes Haar nicht länger überfärben möchten. Selbstverständlich mit entsprechender Facebook-Gruppen, wie Gray and Proud oder auch Curly Silvers, einer Gruppe für Frauen mit grauem, lockigem Haar. Und klar, gibt’s bei Instagram jede Menge einschlägiger Hashtags, wie #silversisters, #grayhairdontcare oder auch #openlygray. So treffen sich online tausende Frauen und teilen Fotos von ihrem Übergang zu silbernem Haar oder generell ihre  Erfahrungen als „Silversister“. Denn was ich auch gelernt habe: die Graufrage ist eine Fraufrage. Ja, es ist eine nahezu feministische Frage. Denn seien wir mal ehrlich: George Clooney darf ein Silberfuchs sein. Aber:

Darf eine Frau eine Silberfüchsin sein?

Immer, wenn gesellschaftlich von Frauen etwas anderes erwartet wird als von Männern, schreit das nach Sexismus. Männer ergrauen, Frauen färben. Das war natürlich nicht immer so und kam erst auf, als es chemische Haarfarben zu kaufen gab. Und wie aggressiv das beworben wurde zeigt diese Anzeige: „Du verlierst Deine Freunde! (weil Du graue Haare hast?)“:

Farbberatung und Stilberatung für graue Haare

Wie alles begann: Werbung für Haarfarbe

Und heute? Heute ist es für die meisten Frauen so selbstverständlich, ihr graues Haar zu überfärben, dass Frauen mit silbernem Haar zum außergewöhnlichen Anblick geworden sind. Gesellschaftsfähig scheint weißes Haar erst zu sein, wenn Frau das 80. Lebensjahr deutlich überschritten hat. Würde Haarfarbe von heute auf morgen vom Erdboden verschwinden, wir wären erstaunt, wie viel Silber wir zu sehen bekämen. Denn die überwiegende Mehrheit der Frauen hat gefärbtes Haar. In jedem Alter. Statistisch gesehen bekommen wir mit 33 Jahren unser erstes graues Haar. Manche deutlich früher, andere viel später. Als ich wenige Tage nach meinem 30. Geburtstag mein erstes graues Haar entdeckte, lag ich also statistisch gesehen ziemlich nah am Durchschnitt. Es war ein Sonntag und ich tat das einzig Richtige: Panisch zum  Drogeriemarkt am Bahnhof fahren (sonntags geöffnet) und das Regal mit der Permanenthaarfarbe leer kaufen. Auch rückblickend verurteile ich das nicht. Und ich kann nach wie vor absolut nachvollziehen, wenn Frauen ihr Haar lieber färben wollen. Aus welchen Gründen auch immer. Aber für mich fühlt es sich einfach nicht mehr richtig an.

Vom Mut grau zu werden

Für mich sind graue Haare zum Statement geworden gegen den Mainstream und gegen Sexismus. Und für mich ist es ein Stück Freiheit geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn man nicht mehr viele Stunden mit Haarefärben beschäftigt ist, hat man einfach mehr freie Zeit. Und ich weiß, viele Frauen würden auch gerne aufhören mit dem Färben. Ich kenne ehrlich gesagt keine einzige, die dem regelmäßigem Überfärben ihrer grauen Haare mit Freude entgegenfiebert. Egal ob beim Friseur oder zu Hause. Immer braucht die Prozedur eine Menge Zeit. Immer gibt’s ne Sauerei. Auf dem Haaransatz, an den Ohren, im heimischen Waschbecken. Von den Kosten brauchen wir gar nicht reden.

Farbberatung klärt: klappen graue Haare bei mir?

Steht mir graues Haar?

Und das Thema graue Haare bewegt. Mein Instagram-Beitrag zum Thema „Ich höre auf zu färben“ ist der meist kommentierte Beitrag seit Start meines Accounts in 2012. Einige beglückwünschten mich zu meinem Mut, zu meinen grauen Haaren zu stehen. Ist es nicht verrückt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen „mutig“ sind, wenn sie ihre Naturhaarfarbe tragen? Viele berichteten, dass sie auch keine Lust mehr hätten, ihre Haare zu färben. Daher ja: ich glaube, es gibt eine Pro-Grau-Bewegung und ich liebe es!

Graue Haare, steht mir das überhaupt?

Als Farbstylistin betrachte ich die Graufrage natürlich auch unter dem Aspekt: Steht mir Grau? Und die Antwort ist: Nein. Und zwar so richtig gar nicht. Dass mir Grau nicht steht, ist so offensichtlich, dass ich es bereits wusste, lange bevor ich überhaupt eine Farbberatung gemacht oder gar die Ausbildung absolviert hatte. Grau war immer meine Anti-Farbe. Dunkles Anthrazit tut dabei noch am wenigsten weh, ist aber immer noch so bäh, dass es nicht mal in meinem persönlichen Farbpass ist. Ganz anders übrigens als bei den meisten Menschen in Mitteleuropa.

Sehr, sehr vielen steht irgendeine Schattierung von Grau absolut großartig! Bei nicht wenigen ist es sogar die beste Farbe! Wenn ich diesen Frauen empfehle, ihre grauen Haare nicht mehr zu färben, sondern ihr natürliches Grau – also ihre beste Farbe – wachsen zu lassen, höre ich oft: „Ich fühle mich einfach noch nicht bereit für graues Haar.“ Und ich kann es nachvollziehen, wirklich. Aber ich weiß, eines Tages, wenn sie bereit für die silberne Pracht sind, werden sie großartig aussehen.

Aber auch wenn Grau nicht meine beste Farbe ist: ich bleibe dabei! Ich werde jetzt Silberfoxette!

Wie’s weiterging liest Du in meinem Erfahrungsbericht: Ein Jahr graue Haare.

Tipps für graues Haar

Übrigens, wer sich erst mal ins Thema graue Haare einlesen möchte, empfehle ich das Silver Hair Handbook von Lorraine Massey. Leider ist es bisher nur auf Englisch erhältlich. Es gibt eine Menge Tipps zur Pflege und verschiedene Strategien, den Übergang von gefärbtem zu natürlichem Haar etwas erträglicher zu gestalten. Hast Du auch Tipps für den Übergang zu grauem Haar? Ich freu‘ mich auf Deinen Beitrag in den Kommentaren oder Deine Mail!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.