Ein Jahr graue Haare. Meine Erfahrungen.


Vor einem Jahr hab‘ ich Schluss mit Farbe gemacht und hab‘ aufgehört, mir die Haare zu färben. Ab sofort wollte ich meine grauen Haare wachsen lassen. Und zwar „Cold Turkey“, also mit krassem von-dunkelbraun-zu-grau-Ansatz und schlimmem Übergang.

Graue Haare wachsen lassen meine Erfahrung
Graue Haare wachsen lassen. Viele empfinden das als mutig. Oder auch total verrückt.

Vorbereitung auf das Schlimmste: Mein Leben mit grauen Haaren

Ich bereitete mich mental auf garstige Kommentare meiner Mitmenschen vor. Denn aus Erfahrungsberichten im Internet wusste ich: Frauen mit grauen Haaren sind Freiwild. Freiwild für ungefragte Meinungsäußerungen von Fremden. Kennt man ja aus Schwangerschaft und Mutterschaft. Ich legte mir also schon ein paar Sprüche zurecht, um gegebenenfalls kontern zu können. Am Ende fand‘ ich meine Tool-Box an Pseudo-Schlagfertigkeit so cool, dass ich’s gar nicht erwarten konnte, bis mir der erste Kommentar über meine grauen Haare an den Kopf geworfen würde.

Und auch sonst erwartete ich eine Art Grenzerfahrung beim Übergang zu grauem Haar. Ein Bad Hair Day würde nichts dagegen sein. Es würde psychologisch alles so krass anstrengend werden, dass wahrscheinlich am Ende eine Therapie nötig wäre. Aber trotzdem, meine Entscheidung stand fest: ich würde meine grauen Haare wachsen lassen. Komme, was wolle.

Und dann passierte: Nichts. Keine Dramen. Keine Hater. Keine Story. Na toll.

Graue Haare rauswachsen lassen. Drama-befreit.

Ich wünschte ja, ich hätte eine dramatische Geschichte zu erzählen. So wie mein Einstieg in das Leben ohne Zucker vor mittlerweile drei Jahren. Da gab’s Rückfälle, Herausforderungen und Abenteuer. Der Stoff, aus dem gute Stories gemacht sind. Aber graue Haare bekommen, war einfach total unspektakulär. Keine blöden Sprüche. Keine Menschen, die schreiend vor mir wegliefen. Keine Nervenzusammenbrüche (außer halt die üblichen, weil mein Glätteisen mich sabotiert). Irgendwann hatte ich meine tollen Konter-Sprüche vergessen und wenn mich heute jemand blöd wegen meiner grauen Haare anmachen würde, wäre ich total unvorbereitet und würde wahrscheinlich heulend zusammenbrechen. Oder auch nicht. Weil es mich nämlich nicht die Bohne kümmert.

Los geht’s: Ansatz nach etwa 3,5 Monaten

Ich bin super happy damit, dass ich jetzt meine Naturhaarfarbe trage und frage mich: Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht? Was für eine Befreiung, nicht mehr ständig Zeit und Geld mit Haare färben zu verschwenden!

Realitätsschock: Ich bin keine Disney-Prinzessin

Geträumt hatte ich ja von einer fantastischen, hellgrauen Mähne. Weißes Haar, wie das von Elsa, der Disney-Eisprinzessin. Bekommen habe ich meine ziemlich dunkle Naturhaarfarbe mit einzelnen silbernen Strähnen, die (an guten Tagen) in der Sonne glitzern. So viel zum Thema Disney hat mir eine falsche Vorstellung vom Leben vermittelt… Zwar habe ich an den Schläfen recht viele weiße Haare, aber Richtung Hinterkopf werden sie immer weniger. Die harte Realität: ich bin bei weitem nicht so grau, wie ich dachte.

Meine Haare sind gar nicht so grau wie ich erwartet hatte. Eher Salz und Pfeffer.
Der Schock: Ich hab‘ so wenige graue Haare, dass man sie nur in einer Detailaufnahme richtig sieht.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Sache mit dem Übergang nur halb so schlimm war. Meine Naturhaarfarbe ist sogar dunkler als das Braun, das ich mir gefärbt hatte. Da war der Wechsel von der Chemie zur Natur einfach nicht so heftig, wie erwartet. Entsprechend mild war die Reaktion anderer auf den Übergang. Die ersten paar Monate haben manche zwar etwas irritiert gekuckt. So im Sinne von: „Oh, die muss aber auch bald mal wieder ihre Haare nachfärben“. Aber nach ’ner Zeit, war dann klar: das ist Absicht. Jetzt, nach über einem Jahr ist der Großteil meiner schulterlangen Haare Natur. Nur an den Spitzen sind noch ca. 5 cm Rest mit gefärbtem Haar – und ich kann gar nicht erwarten, bis das auch endlich weg ist.

Huch, meine Haare vermehren sich, seit ich sie nicht mehr töte

Im Internet gibt’s massig Erfahrungsberichte von Frauen, die sich ihre grauen Haare wachsen lassen. Die meisten ziehen irgendwann das Fazit, dass sich ihre grauen Haare viel gesünder anfühlen als die gefärbten. Meine gefärbten Haare waren ja immer recht kurz und daher ging das kaputte-Haare-Thema eigentlich an mir vorbei. Durch die Kurzhaarfrisur wurden die Haare abgeschnitten, ehe sie kaputt wurden. – Dachte ich. Bis ich lernte, wie es sich anfühlt, gesunde Haare zu haben.

Denn das erste, was mir auffiel, nachdem einige Monate ohne Färben vergangen waren: meine Haare wurden voller. Gefühlt sind es jetzt doppelt so viele. Klar, fein sind sie immer noch und eine Wallemähne werde ich nie haben. Aber wenn ich mir heute einen Pferdeschwanz mache, ist der etwa doppelt so dick wie das traurige Zöpfchen, das ich noch vor einem Jahr hatte.

Keine Ahnung, woran es liegt. Vielleicht wachsen mehr Haare, weil ich meine Kopfhaut nicht mehr alle paar Wochen in Gift bade. Vielleicht brechen meine Haare nicht mehr so leicht ab, weil sie jetzt nicht mehr von Chemie geschwächt sind. Vielleicht wählen nicht mehr so viele Haare den Freitod, weil sie ein Leben mit regelmäßiger Peroxidfolter nicht mehr ertragen konnten. Warum auch immer, es sind mehr Haare auf meinem Kopf. Und sie sind kräftiger. Wenn Du also auch feine Haare hast, spar‘ Dir das Geld für „Schöne-Haare-dank-Biotin“-Tabletten. Das Wundermittel ist, Deine Haare nicht mehr zu färben.

Ab welchem Alter es OK ist, graue Haare zu tragen

Graue Haare über 40 wachsen lassen.
Zu jung für graue Haare? Just chill.

Was mir noch auffiel: wie sehr graue Haare mit mit der Frage verknüpft werden, ob man „zu jung“ ist, um seine natürliche Haarfarbe zu tragen. Als ich zum Beispiel bei einer größeren Familienfeier verkündete, dass ich fortan meine grauen Haare wachsen lassen würde, kommentierte jemand: „Du bist doch noch viel zu jung für graue Haare!“ – Hm, na offensichtlich nicht, sonst hätte ich ja keine.

Eine 20jährige Freundin bekommt übrigens auch gerade ihre ersten grauen Haare. Und hat sich bewußt dagegen entschieden, sie zu färben. Meine über 70jährige Schwiegermutter wiederum hat kein einziges graues Haar auf dem Kopf. Graue Haare sind also definitiv keine Frage des Alters, sondern unserer Glaubenssätze. Es gibt viele Gründe, sich die Haare zu färben. Experimentierfreude ist einer davon. Alter sollte keiner sein.

Die Grey Hair Community: Wir Frauen mit natürlich grauen Haaren

Spielst Du mit dem Gedanken, mit dem Färben aufzuhören und auch eine Silversister zu werden? Wenn Du etwas Inspiration benötigst, dann schau mal bei Instagram folgende Hashtags durch: #silversisters #ditchingthedye #goinggreyonpurpose #greyhairtransition #greyisthenewblack #greyvolution #greyhairmovement um nur einige zu nennen. Du wirst Bilder von vielen tollen Frauen finden, die sich gerade in verschiedenen Phasen des Übergangs zu grauen Haaren befinden. Ganz schön motivierend! Oder sieh‘ Dir meine Pinterest-Pinnwand Schön in grau an.

Tja und weil das mit dem graue Haare wachsen lassen so wahnsinnig unspektakulär verlief bei mir, sprach ich kürzlich eine Frau neben uns im Biergarten an. Sie hatte fast weißes Haar und nachdem wir nett plauderten, fragte ich sie, ob sie jemals negatives Feedback erhalten hat, weil sie ihre grauen Haare nicht überfärbt. „Niemals“, sagte sie. „Im Gegenteil. Und wissen Sie was, ich glaube, das kommt alles von innen. Es ist eine Frage der inneren Einstellung.“

Farb- und Stilberatung bei Stil in Nürnberg
Pink und Neongelb sind nur zwei der vielen Haarfarben, die ich mir schon gefärbt habe. Und gerade eben ist meine Lieblingsfarbe: Natur

Mein Fazit nach einem Jahr ohne Färben

Als ich vor einem Jahr auf Instagram verkündete, dass ich aufhöre mir die Haare zu färben und fortan meine grauen Haare wachsen lasse, erregte das die Gemüter. Der Post ist bis heute der meist kommentierte auf meinem Account. Graue Haare scheinen ein emotional stark aufgeladenes Thema zu sein. Umso erstaunter war ich, dass so gar nichts passierte nach dem Wechsel zu meiner Naturhaarfarbe. Also, außer die Sache mit den viel gesünderen Haaren. Ach ja, und der Sache mit dem Zeit und Geld sparen.

Bin ich jetzt der Meinung, jede solle ihre Naturhaarfarbe tragen? Mitnichten! Jede, wie es ihr gefällt. Für mich war es einfach an der Zeit. Jahrelang hatte ich große Freude daran gehabt, immer wieder meine Haarfarbe zu wechseln. Jetzt habe ich große Freude daran, es nicht mehr zu tun. Und obwohl es bei weitem nicht so cool aussieht, wie ich gehofft hatte: Ich bleibe dabei.

Wenn Du also auch überlegst, ob Du Schluss mit Farbe machst, ist mein Tipp für Dich: einfach ausprobieren! Du könntest es lieben.

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